Fast überlesen

Die Wirtschafts-Woche vom 10. August 2014: „Die neue Offenheit der Top-Manager. Ob Krankheit, sexuelle Orientierung oder Beziehungsstatus: Manager verraten in der Öffentlichkeit immer mehr aus ihrem Privatleben. Was hinter der neuen Offenheit steckt - und warum sie oft clever ist.“

Ehrlich gesagt, hatte ich den Link in meinem Postkasten schon in den Papierkorb verschoben. Aber selber war ich vor zwei Jahren mittelschwer erkrankt und hatte gegenüber Kollegen und Kunden aus diesem Umstand keinen Hehl gemacht, also wollte ich wissen, was die WiWo an Neuigkeiten zum Thema beizutragen hatte. Die wesentliche Behauptung des Artikels ist schnell vorgetragen. Manager sind versessen darauf, Details aus ihrem Privatleben in die Öffentlichkeit zu tragen, um sich dadurch persönliche Vorteile zu verschaffen. „Was auf den ersten Blick selbst verliebt, beliebig oder gar gedankenlos wirken mag, folgt in der Regel einer ausgeklügelten Strategie, mit der Zeitpunkt, Umfang, Adressat und Formulierung der Information gezielt gewählt werden“, so wird in der WiWo berichtet. Und weiter glaubt man zu wissen:

  • Top-Manager, die erkranken, veröffentlichen dieses im Zweifelsfalle dann, wenn sie sich juristisch abzusichern versuchen.
     
  • Privat eingefärbte „Geschichten“ werden genutzt, um definierte Markenbotschaften gesteuert in die Öffentlichkeit auszustrahlen. In der Bereitschaft, Informationen über Gesundheit, anstehende Hochzeiten oder Scheidungen Preis zu geben oder eine Äußerung zur sexuellen Orientierung in der Öffentlichkeit, erreicht es der „Top-Manager“ neben seiner fachlichen Qualifikation, auch die persönliche Integrität und Authentizität darzulegen. „Diese privaten Anekdoten müssen erstens zur Persönlichkeit des Managers, zweitens zu seiner Funktion und drittens zum Unternehmen passen.“
     
  • Manager suchen eine neuartige Allianz mit der Öffentlichkeit, die sich in idealerweise Weise über intime Details aus ihrem Privatleben erschaffen lässt. „Gerade in Zeiten, in denen wirtschaftliche Zusammenhänge immer komplexer und die Nachrichtenberge immer unüberschaubarer werden, suchen Mitarbeiter, Verbraucher und Investoren nach Orientierung, die ihnen verklausulierte Jahresberichte oder weichgespülte Pressemitteilungen nicht geben können“.
     
  • Ein Düsseldorfer Psychoanalytiker - Georg Fischer – findet noch einen anderen Zugang zum Thema und weiß in dem Artikel zu berichten. „Indem sie scheinbar höchst Intimes öffentlich machen, sprechen sie sich Mut zu, feuern sich an – wie in einem Akt der Selbstvergewisserung.“ Und für homosexuelle Manager sei das „coming out“ sogar ein Akt der Erlösung. Herr Sprenger, immer und überall bemüßigt, seine Weisheiten zum Besten zu geben, fügt larmoyant hinzu: „Manche Manager reden in einer gewissen Plapperhaftigkeit über ihre Gefühle. Der schweigsame Chef ist out.“

 

Als ich mit dem Lesen fertig bin, empfinde ich nicht viel. Kein Ärger, keine Wut. Ich meine, der Artikel ist wirklich mies. Die Thesen kommen etwas dümmlich daher und besitzen keinerlei statistisches Fundament. Es kommen die üblichen Wichtigtuer zu Wort, die immer zu Gegen sind, wenn es gilt, neue Pseudotrends aufstöbern und diese für sich Geld bringend einzusetzen. Normalerweise reicht das völlig aus, damit sich meine Kiefer stahlhart aufeinander pressen und mein Blutdruck durch die Decke geht. Aber hier: völlige Fehlanzeige. Ich bin beschäftigt, mein Hirn ist unverzüglich in den Arbeitsmodus gesprungen und die Schwächen der Autoren sind vergessen: Irgendetwas ist ja dran, an der „neuen“ Offenheit. Aber was?

Wir befinden uns als Gesellschaft insgesamt in einem Transformationsprozess, in der Privatsphäre als persönliches Gut an Stellung verliert und ein neues Maß an Offenheit voneinander erwartet wird. Wir haben es also m.E. nicht primär mit einem Phänomen im Management zu tun, sondern in einer von Grunde auf veränderten Art und Weise der Interaktion zwischen Menschen. Um das in seiner Gänze zu verstehen, ist eine Wendung lang geprägter (Vor-) Urteile von Nöten: Der von George Orwell in „1984“ als Trend richtig erkannte "gläserne Mensch" löst im Jahre 2014 nicht mehr die Phantasien und Ängste aus, die Orwell in seinem Roman schürt und die viele Menschen in der Vergangenheit kritiklos übernommen haben. Heute wird Transparenz nicht mit der Möglichkeit der staatlichen Repression verbunden, sondern mit Begriffen wie Integrität und Offenheit. „Zeige mir, wer Du bist und ich bin bereit eine Beziehung mit Dir einzugehen“, ist die neue Maxime im Miteinander. Da gehören Geheimnisse zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies. In der Generation Y hat niemand mehr Ängste davor, dass neben seinem Aufenthaltsort und seinen konsumtechnischen Vorlieben auch privateste Details aus seinem Leben in zentralen (Daten-) Banken im Internet mitgeloggt werden. Ganz im Gegenteil, die Transparenz meines Lebens und meines Wesens wird Voraussetzung, um am modernen Leben teilnehmen zu können.

Noch vor vielleicht fünf Jahren, hätte ich meine eigene Krankheit völlig anders kommuniziert, als ich dieses dann in realiter getan habe. Ich wäre aus meiner Funktion als Geschäftsführer aus persönlichen Gründen für eine definierte Zeit ausgeschieden und fertig. Stattdessen habe ich die Stakeholder des Unternehmens über meinen Zustand aufgeklärt und bin mit dem Stand und Möglichkeiten der Behandlung offen umgegangen. Es war mir ein unbedingtes Anliegen, dass die Menschen um mich herum, mich auch in der persönlichen Krise, als verbindlich erleben können. Ich wähle hier bewusst ähnliche Worte, wie Peter Bauer, an Osteoporose erkrankter Ex Vorstandsvorsitzender von Infineon sie gewählt hat:„Ich wollte mich so von meinen Kollegen verabschieden, wie ich auch als Führungskraft sein wollte: ehrlich und authentisch – dieser Schritt war für mich somit von Anfang an alternativlos.“

Wir reden hier nicht über den geschickten Schachzug einzelner, verschlagener Top- Manager, sondern um einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, der sich im Augenblick auch im Management als Trend niederschlägt. In der Vergangenheit wurde der Führungsanspruch im Management, durch Qualifikation und Erfolg auf der einen Seite und durch eine gewisse Form der Dominanz auf der anderen Seite begründet. Diese Logik trägt heutzutage immer weniger und der schweigsame Macher ist als Managertyp nicht mehr gefragt. Der empathische Führungstyp, hat den autoritären Manager an vielen Stellen bereits zur Seite geschoben. Diese Führungspersönlichkeit muss per definitionem „offen“ sein, muss Bereitschaft zeigen, sich mit der „menschlichen Seite“ des Unternehmens, zu befassen. Dies zeigt der moderne Manager u.a. dadurch, indem er den Stakeholdern einen Vertrauensvorsprung zu spricht und sich diesen gegenüber als Mensch persönlich transparent zeigt und sein Privatleben öffnet.

Folgen Sie nicht, Herrn Sprenger, der diese gesellchaftliche Wende als neue „Plapperhaftigkeit“ im Top-Management abtun will. Die Generation Y tritt in unser Geschäftsleben ein und sie verändert - wie jede Generation vor ihr - die Regeln. Orwells Vision ist nicht mehr von Bedeutung und im Zweifelsfalle bereits seit 30 Jahren vergangen.

Bildquellenangabe: marco stricker  / pixelio.de

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