Karma Chucks

Ich brauche schon ein wenig Geduld, um mich durch die Zeitschrift „Enorm“ zu arbeiten. Ein Bekannter hatte mir diese Publikation empfohlen. Über die Verantwortung von Management und Konsumenten an den Desastern in Bangladesh  diskutierend, kamen wir auf den Gedanken des Fairtrade zu sprechen und damit schließlich zu „Enorm“. An dieser Stelle nur einige Zeilen zu den schlimmen Unglücksfällen von Bangladesh. Die Einkaufsmanager von Konzernen wie C&A, H&M etc. müssen sich eine erhebliche Mitverantwortung an den Toten und Verletzten der letzten Wochen und Monaten, die  es in den Textilfabriken der Stadt gegeben hat, anlasten lassen. Getrieben von den radikalen Preisvorstellungen wurden Belange von Arbeits- und Umweltschutz in den produzierenden Betrieben nicht ausreichend gewürdigt oder gar mit den Füßen getreten. Muss dem so sein, möchte man als gebildeter Mitteleuropäer fragen: müssen Konzerne heute so verantwortungslos handeln? Ich für meinen Teil, habe hier eine klare Auffassung: Nein, das müssen sie nicht!  

Zurück zu Enorm: Beim Lesen der Ausgabe „April/Mai 2013“ fühle ich mich ein wenig in meine Studentenjahre zurückversetzt und erinnere die Entwicklung der Ökobewegung in den 80er und 90er Jahren. Ich empfand damals die Anliegen der „Ökos“ durchaus als richtig, die Menschen dahinter aber als enervierend und unattraktiv. Heute ist die Öko-Industrie ein wichtiger Baustein unserer Volkswirtschaft und die Konsumenten von ökologisch angebauten Nahrungsmitteln wie auch die hinter den handelnden Unternehmen stehenden Manager sind Menschen, die durchaus aus meinem direkten Bekannten- und Freundeskreis stammen oder zumindest stammen könnten. Ich ertappe mich heute auch dabei, wie ich auf die aktuelle Birkenstock-Kollektion blicke und für eine Millisekunde denke: „Gar nicht so schlecht…vielleicht …. aber nein … das geht dann doch nicht“.

Die Artikel in der „Enorm“ sind furchtbar schlecht geschrieben und schwanken zwischen thematisch überfordert bis hin zu banal. Ordentlicher Journalismus sieht wirklich anders aus. Der Mangel an Qualität quält mich, es macht mir Mühe dabei zu bleiben und den einzelnen Artikeln inhaltlich zu folgen. Seite 14 und 15 sind in meinen Augen völlig verschwendet, schade um die Arbeit, die Lesezeit, das Papier und die Druckerschwärze: Sie befassen sich mit der banalen Fragestellung „Darf man noch Plastiktüten benutzen?“. Ich lese lieber das Handelsblatt oder die New York Times (online versteht sich).

Ja, sie haben recht: Ich bin nicht die Zielgruppe. Ich bin kein Idealist. Als Ingenieur lernt man Pragmatismus und mein Gewissen wird oftmals erst wach, wenn Grenzbereiche meines ethischen Empfindens tangiert werden.  Eines muss aber auch ich neidlos anerkennen, die Publikation macht einen Punkt und stößt uns mit der Nase auf Themen, die wir nicht länger ignorieren sollten. Im Rahmen der Globalisierung sind Hunger, Ausbeutung, Kinderarbeit, Umweltgefährdung, Gefährdung von Menschen im Arbeitsprozess durch mangelnden Arbeitsschutz etc. direkt in unsere Wohnungen und Büros eingekehrt. Wir tragen diese Themen mit unserer Kleidung am Körper, sie begleiten uns auf Schritt und Tritt in unserem Leben mit unseren Smartphones.

In eben dem von mir gerügten Magazin wird auf den Seiten 37ff. von einem jungen Mann (Herr Van Bo Le Mentzel) berichtet, der auf seiner Facebook-Seite eine interessante Frage stellt.  “Welchen Schuh soll ich kaufen? Beide Schuhe sind original Converse. Links: 59 Dollar. Made in China. Rechts : 100 Dollar. Made in USA“. Und weiter bemerkt er: „Ich fand es krass, was von mir als Konsument verlangt wurde, dass ich mit meinem Gewissen kämpfen und mir die Frage stellen muss, ob es mir 40 Dollar wert ist, einen Schuh zu haben, in dem keine Kinderarbeit steckt, der aber weniger hochwertig verarbeitet ist.“ Le Mentzel produziert – laut Angaben von „Enorm“ – neuerdings seine Lieblingsschuhe selber. In Kooperation mit der Fair Dealing Company aus Berlin und finanziert über die Crowd lässt er seine sogenannten „Karma Chucks“ nach den Maßgaben des CSR (Corporate Social Responsibility) fertigen. Und damit ihm niemand ein „X für ein U“ vormacht fährt er, so das Magazin, jetzt selbst in die Länder, wo sein Schuh produziert wird, und schaut dort nach dem Rechten. Die Geschichte imponiert mir, obwohl mir der monotone Verweis auf die „Macht der Crowd“ und die Überlegenheit der Schwarmintelligenz,  erneut alle Geduld abfordert und in mir einen nahezu kindischen Widerwillen erzeugt.  

Nein ich werde das Magazin nicht in die Mülltonne werfen,  obwohl ich wirklich gute Lust dazu hätte, sondern brav auch die nächste Ausgabe erwerben. Denn Eines habe ich gelernt. In ca. zwanzig Jahren oder so sind die Treiber der neuen CSR-Bewegung nicht mehr die Nervensägen von heute, sondern die Freunde und Bekannten von morgen. Also bin ich lieber früher dabei als später. Und die hierfür notwendige Geduld und Kraft…..die nehme ich als Übung gegen meinen Hang zum Perfektionismus und als Aufforderung zur Gewinnung von mehr Toleranz in meinem Leben. 

 

Bildquellenangabe: Lynn Meyer  / pixelio.de        

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