Von der fehlenden Eleganz des Scheiterns

Uns Deutschen wird vielfach vorgeworfen mit gescheiterten Gründern und/oder Unternehmern falsch umzugehen. Anstatt die wertvollen Erfahrungen, die im Rahmen des Scheiterns durch den Scheiternden gewonnen werden, zu würdigen, werden Führungskräfte aus gescheiterten Unternehmen in Deutschland als B-Kandidaten abgestraft und kommen für die Besetzung von Top-Positionen in der Folge überhaupt nicht mehr in Betracht. In den Vereinigten Staaten würde man dagegen als Manager, Gründer oder Unternehmer überhaupt erst dann beruflich Ernst genommen, wenn man – am besten bereits mehrfach und spektakulär – unternehmerisch gescheitert wäre. Nur auf diese Weise, nach erlernten Lektionen sozusagen, könne man die Klippen im Unternehmensalltag zukünftig umschiffen und sich schließlich als gestandener Kapitän beweisen. Ein Kleinkind müsse doch auch erst einmal gehörig oft hinfallen, bevor es das Laufen erlernen würde, so die umwerfend überzeugende Logik.

Mich als erfahrenen Manager und Partner bei Sanierungen, management-buy-outs und Neugründungen fängt jetzt das Grausen an. Die Erfahrung, Menschen in meiner direkten Umgebung glauben an solcherlei Märchen erschreckt mich Meine persönlichen Erfahrungen in Bezug auf das unternehmerische Scheitern sind völlig andere. Viele Führungskräfte aus gescheiterten Ventures sind moralisch angeschlagen und besitzen nicht die innere Stärke eine geordnete Manöverkritik über sich ergehen zu lassen und mit frischem Tatendrang neu durchzustarten. Andere bleiben an ihrem gescheiterten Unternehmen kleben und versuchen in den nächsten Ventures zu zeigen, dass Sie beim ersten Mal ja im Grunde doch Recht hatten. Letztere Spezies hält sich besonders hartnäckig bei VC-finanzierten Ventures auf, denn machen wir uns nichts vor: bei VC-finanzierten Ventures ist das Scheitern überhaupt kein Makel, sondern die Normalität. Und bei manchen Akteuren kann man den Eindruck gewinnen: das ungebremste Ausgeben anderer Menschen Geld sei an und für sich bereits ein völlig ausreichendes, weil für sie persönlich großartiges Unternehmenskonzept.

Und die Amerikaner? Ja, in Amerika haben wir in der Tat eine beneidenswert ausgeprägte Gründerkultur. Und dort existieren außerdem Institutionen, die diese Gründerkultur untersuchen. Im Jahr 2009  berichtete die New York Times über eine Studie an der Harward Business School (Paul Gompers, Anna Kovner, Josh Lerner, and David Scharfstein: Performance Persistence in Entrepreneurship, Quelle: http://www.hbs.edu/faculty/Publication%20Files/09-028.pdf). Die Ergebnisse hier in aller Kürze:

Ein Erst-Gründer - wenn VC-finanziert - hat in den Vereinigten Staaten eine Erfolgschance in Höhe von etwa 22%. Nimmt man nun die Gescheiterten und untersucht diese als Peer-Group exklusiv weiter, so zeigt sich, dass Folgeventures zu 23% erfolgreich abgeschlossen werden konnten. Ob Sie einem bereits gescheiterten Unternehmer oder einem unerfahrenen Berufsanfänger Ihr liebes Geld zur Gründung eines frisch erfolgversprechenden Unternehmens anvertrauen, macht aus der Perspektive der Erfolgswahrscheinlichkeit keinerlei Unterschied, ich korrigiere: der Unterschied  beträgt ziemlich exakt 1%. Ich behaupte übrigens frech und ohne jede Gewähr, der bei den jeweiligen Führungskräften eingetretene, wirksame Lerneffekt lässt sich ebenfalls zwischen 0,01% und 1% eingrenzen.

Sollten Sie selber Betroffener sein, so erlauben Sie mir hier eine kleine Anmerkung. Natürlich können Sie aus Fehlern lernen. Niemand geringeres als Thomas Edison ist hier bei Ihnen und stützt Sie mit seinem berühmten Zitat: „Wir kennen jetzt 1000 Wege, wie man eine Glühbirne nicht baut“. Nähmen wir an, der Sinn des Zitates unterstütze tatsächlich Ihre Idee, das aus Fehlern lernen für Sie als Manager oder Unternehmer ein gewichtiger Grundsatz zu sein habe. Dann brauchen auch Sie, die 1000 negativen Erfahrungen bis Sie zur richtigen Vorgehensweise durchdringen, richtig?!. Sie müssten ja erst alle negativen Wege kennen, um die richtige Variante identifizieren zu können. Geht nicht! Nein das werde ich nicht behaupten, denn es geht natürlich. Viele meiner Kollegen arbeiten so, mit „brute force“, blanker Gewalt oder wie ich es fortan nennen will: mit der fehlenden Eleganz des Scheiterns.

Wo ist die Alternative zur Fehlenden Eleganz des Scheiterns, wo ist also der Clou in diesem Blog. Zunächst einmal lernen wir Erwachsenen eben genau nicht aus unseren Fehlern, wir lernen aus unseren Erfolgen, das zeigen auch die Zahlen der zitierten Harward Studie. Nimmt man die Erfolgreichen dieser Studie als exklusive Peer-Group, so sind Folgeventures bereits zu 34% erfolgreich, der relative Unterschied zum First-Mover beträgt hier mehr als stolze 50%.

Unsere gesamte Evolution beruht im Übrigen auf diesem einfachen Prinzip. Wenn Edison 1000 Versuche benötigt, um die Glühbirne zu erfinden, dann waren es nicht die Misserfolge, die gezählt haben, sondern die – offensichtlich feingranularen – Erfolge der Einzelversuche. Die Misserfolge können Sie sich sparen, daraus lernt man so gut wie nichts. Erfahren Sie aber, was funktioniert, sensibilisieren Sie sich, jetzt ist Lernzeit!

Gerade hat in den Vereinigten Staaten ein junger Mann, Jack Andraka (15 Jahre alt) einen revolutionären Krebstest entwickelt:

  - 168 mal schneller als der bisherige

  - 26.000-fach konstengünstiger

  - nach aktuellem Kenntnisstand zu 100% genau.

Gefragt wie er an die Sache herangegangen sei, schildert dieser Junge im Forbes Magazine folgende, merkwürdige Erkenntnis: „I really enjoy challenges and particularly enjoy looking for elegant and simple solutions to seemingly complex problems. I do a lot of math competitions and my math coaches always tell us that although you can use brute force to solve a problem that looks really complex you should think about other tools and figure out a more elegant way to solve it. My math heroes can reduce a really difficult proof to a few elegant lines. So with that mindset I thought and thought about this new problem”. (Quelle: http://www.forbes.com/sites/johnnosta/2013/02/01/cancer-innovation-and-a...)

„Er dachte und dachte wieder über das neue Problem nach.“ Haben Sie das gelesen? Das nenne ich Eleganz!

 

Bildquellenangabe: www.clearlens-images.de  / pixelio.de

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